Willkommen im 19. Jahrhundert – das Comeback der Monarchien
von Reinhard Göweil
Es klingt absurd, aber der 47. Präsident der USA sorgt gerade für ein ungewolltes Comeback der Monarchien auf die politische Bühne in Europa. In Europa gibt es noch zehn davon, die wesentlichen residieren im Vereinigten Königreich, Spanien, Norwegen, Niederlande, Belgien, Schweden und – wegen Grönland – Dänemark.
Ihr großer Vorteil im Moment: Sie sind unverbindlich-verbindendes Glied zwischen EU- und Nicht-EU-Staaten, die alle unter US-Zöllen und den neuen Verteidigungs-Notwendigkeiten in einer NATO ohne USA leiden. Erste Auswirkungen sind bereits zu sehen: Der britische Premierminister Keir Starmer lud – mit Frankreichs Präsident Emanuel Macron – zu einem europäischen Krisengipfel nach dem Eklat Trumps mit dem ukrainischen Präsidenten Ende Februar. Mit dabei: der kanadische Regierungschef. Kanada solle 51. Bundesstaat der USA werden, Kanadas Premier sei „Gouverneur“, sagte Trump zuvor mehrfach. Starmer tat sich mit der Einladung leicht, denn Kanada ist Teil des Commonwealth und König Charles ist deren konstitutionelles Oberhaupt. Damit ist er Widerpart von Trumps‘ Ansinnen. Dass der Trump nach London eingeladen hat, ist eine klare politische Einmischung.
Der dänische König Frederik hat öffentlich sein Herz an Grönland verloren und den Eisbären als Symbol der Insel offiziell ins königliche Wappen aufgenommen. Trump will ja auch Grönland in die USA integrieren. Die Wähler dort, auch wenn es nicht viele sind, haben sich im März eindeutig dagegen gestellt, der König wird wohl bald die Insel erneut besuchen und weitere dänische und EU-Unterstützung im Gepäck haben.
Der spanische König Felipe hat aktuell öffentlich kritisiert, dass die Trump-Regierung Spanisch als Amtssprache der USA abschafft, was in Mexiko und Südamerika mit erheblichen Applaus quittiert wurde. Die mit der kolonialen Vergangenheit – gut – begründeten Ablehnung der mexikanischen Präsidentin gegen das spanische Königshaus bröckelt. Anfang 2025 durfte die spanische Großbank BBVA sogar eine mexikanische Bank übernehmen, was zuvor strikt verweigert worden war.
Schwedens König Carl Gustav zeigte sich anlässlich des NATO-Beitritts des Landes demonstrativ in Uniform und begrüßte diesen Schritt und damit das Ende der Neutralität. Ein geplantes Treffen zwischen schwedischem und norwegischen Königshäusern in Grönland kurz vor der Wahl wurde kurzfristig abgesagt, um Trump kein Argument zu liefern, dass Grönland doch nur als europäische Kolonie gesehen wird. Die Königshäuser folgten damit deutlichen Bitten europäischer Politiker, dass sie damit Europa einen Bärendienst erweisen würden. Auch Absagen sind politische Aktionen…
Norwegens Prinzregent Haakon als künftiges Staatsoberhaupt spielt eine große Rolle, weil der größte Staatsfonds der Welt, Norges Invest, in Oslo sitzt. Mit einem Vermögen von 1700 Milliarden und einem Gewinn von 230 Milliarden 2024 ist Norges der größte Staatsfonds weltweit. Er wird verwaltet vom Finanzministerium und vom Parlament in Olso. Als möglicher strategischer Großinvestor im Ausbau der europäischen Infrastruktur wurde Norges schon in Brüssel genannt. Immerhin kauft die EU viel Öl und Gas von Norwegen und sorgt für dessen Vermögen. Das alles hilft mit, Abhängigkeiten von den USA zu reduzieren. Haakon muss immerhin Gesetze unterschreiben und vertritt Norwegen bei großen Wirtschafts-Missionen im Ausland. Norwegen ist zudem NATO-Mitglied.
Der niederländische König Willem-Alexander wird in diplomatischen Zirkeln 2025 öfters auftreten, denn die Niederlande richten den NATO-Gipfel im Juni in Den Haag aus. Der König wird Gastgeber sein. Angesichts des Risses im transatlantischen Bündnis besteht die Gefahr, dass dies ein Begräbnis Erster Klasse wird, jedenfalls wird der dortige König dabei viel Geschick benötigen – die Trump-Regierung ist jeden Eklat gut, wie die kurze Erfahrung mit ihr bewies.
Der belgische König Philippe könnte überhaupt vor einer veritablen Bewährungsprobe stehen. Die EU hat – nachdem Russland 2021 die Ukraine überfallen hat – russisches Zentralbank-Geld in der EU eingefroren, aktuell etwa 210 Milliarden Euro. Sollte Trump die Sanktionen gegen Russland aufheben, hat der ungarische Regierungschef Orban angekündigt, dies auch in der EU zu verlangen. Damit wären die Gelder für Russland wieder frei. Das eingefrorene Vermögen wird verwaltet von der Euroclear Belgium Bank. Nur ein Recht aus 1944 ermöglicht es dem belgischen König hohe Vermögens-Transfers aus Belgien zu verbieten. Die EU-Kommission oder die EZB hätten nach eventueller Freigabe derzeit keine rechtliche Handhabe.
Die Fürstenhäuser in Luxemburg, Monaco, Liechtenstein stehen – aufgrund ihrer Bedeutung als Finanzplätze – im Fokus, denn die neuen finanziellen Erfordernisse in Europa wird Innovation der benötigten Geldströme erfordern. Es geht dabei um Billionen und im Ernstfall um eine Absicherung des Euro gegen den Dollar. Die drei Fürstentümer und Norwegen unterhalten zudem enge Beziehungen zur Schweiz – es grüßt der Bankplatz.
Nun sind Großbritannien, Norwegen, Schweiz, Liechtenstein und Monaco nicht Mitglied der EU. Diese Länder haben auch nicht den Euro als Währung. Teilweise sind sie im „Europäischen Wirtschaftsraum“ (EWR), eine Art Warteraum zur EU, der die Teilnahme am EU-Binnenmarkt verbessert. Diese rechtliche Rahmen machen es Europa schwer, demokratische Institutionen der Länder gemeinsam zu bündeln. Sie leiden zwar alle gemeinsam an Trumps‘ narzisstisch-isolationistisch-imperialer Politik, aber eine Einheit bilden sie nicht.
Dass Großbritannien neuerdings mit den großen EU-Ländern Sicherheitsfragen diskutiert, als ob es noch EU-Mitglied wäre, steht rechtlich auf tönernen Füßen. Abkommen über den Austausch von Verschluss-Sachen und der nuklearen Sicherheit sind ein dünnes Band zwischen demokratischen Ländern.
Wenn aber der britische Regierungschef Keir Starmer – vom König ermuntert – mit der EU die Auswirkungen der Trump-Politik auf den „Commonwealth of Nations“ (der lose Rest des britischen Empires) bespricht, ist alles in Ordnung. Wenn sich der dänische und der spanische König gegen Trump-Absichten aussprechen, dann wird das die Rolle Europas insgesamt und vielen Öffentlichkeiten stärken. Wenn es der niederländische König schafft, beim NATO-Gipfel die US-Teilnehmer so zu mäßigen, dass sie nicht auftreten wie zu Hause, wäre viel geschafft.
Und sollte es gelingen, dem Kreml zu verdeutlichen, dass Europa nicht nur aus lähmender Bürokratie besteht, sondern als Kontinent eine liberal-demokratische Gesellschaft nicht aufgeben wird, wäre überhaupt alles super. Dass in einem solchen Szenario europäische Monarchien zu den Guten gehören hört sich nicht nur unglaublich an, es ist auch so. Es gehört zu den an Paradoxien bisher nicht armen 21. Jahrhundert. Donald Trump ist dabei, auch das zu schaffen. Jene Monarchien, die Europa (und viele andere Teile der Welt) seit Jahrhunderten mit Unterdrückung, Krieg und Not überzogen, sollen nun bei Sicherheit und Stabilität mithelfen?
Eigentlich nein. Zwar sind dies nun konstitutionelle Monarchien und demokratisch gewählten Parlamenten obliegen Gesetzeswerdung und staatliche Gewalt. Aber es gibt sie und sie spielen eine Rolle, die über Hochglanz-Illustrierte weit hinausgeht. Donald Trump, der sich als Narzisst irgendwie als „König von Amerika“ sieht, liebt diese royale Welt und sonnt sich gerne in ihrem Glanz.
In diesem Licht mag es für Europa hilfreich sein, seine Häuser des Hochadels zu nutzen, um Donald Trump und dem Kreml einen nicht nur alten, sondern mächtigen Kontinent gegenüber zu stellen. Blaues Blut ist per definitionem nicht nationalistisch eingestellt, in der gegenwärtigen innereuropäischen Politik auch ein Vorteil. Aber dessen Mithilfe muss sich immer im demokratischen Rahmen bewegen, der sich übrigens stärker europäisieren wird müssen. Stärker, als es die Monarchien geschafft haben, die spätestens 1914 krachend gescheitert sind. Aber das sind andere Themen.