Recht des Stärkeren erfasst auch das globale Agrar-Geschäft
von Reinhard Göweil
Wir verwenden ihre Produkte täglich mehrfach und kennen sie doch nicht. In Afrika sind deren Lieferungen – etwa von Getreide – eine Frage von Leben und Tod. Sie entscheiden über Hungersnöte. Ihre Lieferketten sind wichtiger als alles andere, denn es geht um Ernährungs-Sicherheit. Sie verdienen prächtig und investieren das Geld in „food processing“ – Laborfleisch, veganer Fleischersatz, neue Proteinquellen, Lebensmittel-Zusatzstoffe jeglicher Art. Sie ernähren die Welt jetzt und auch in Zukunft.
Sie – das sind eine Handvoll Konzerne,die niemand kennt und die ihre Macht im Verborgenen kultivieren: Cargill, Bunge-Viterra, Archer Daniels Midland (ADM), Cofco, Salic/Olam Agri, Dreyfus.
Getreide (Weizen, Mais, Reis), Ölsaaten (Soja, Raps, Sonnenblumen), Kaffee, Zucker, Kakao, Tee, Bananen, Orangensaft, Tabak, Baumwolle, Fleisch: All diese Rohstoffe werden von den genannten Konzernen angebaut, gezüchtet, angekauft, weltweit verteilt, verarbeitet – und an den Warenbörsen preislich fixiert. Sechs Konzerne, ohne die nichts geht. Der Branchenprimus Cargill präsentierte sich bis vor kurzem mit dem Slogan: „We feed the world.“ Das klingt anmaßend, ist aber die Wahrheit.
Nun ist Bewegung in diese Agrarwelt gekommen, die so gar nichts mit bäuerlicher Idylle zu tun hat, denn die Politik hat erkannt, welche Bedeutung und Hebel darin liegen. Es geht um geopolitische Einfluss-Sphären und die Sicherung der kritischsten Infrastruktur, die es geben kann: Ernährung.
Von den sechs genannten Welt-Konzernen sitzen die drei größten in den USA: Cargill, ADM, Bunge/Viterra. Den Anfang im neuen geopolitischen Agrar-Monopoly startete Bunge. Er kaufte vom ebenfalls umstrittenen Bergbaukonzern Glencore dessen Agrar-Sparte Viterra, ein 16-Milliarden-Dollar-Deal. Mit einem kombinierten Umsatz von mehr als 120 Milliarden Dollar rückt er Cargill (180 Milliarden) näher, bei Ölsaaten überholt er ihn.
Es folgte Olam Agri, ein singapurisch-japanischer Agrar-Konzern. Der saudische Staatsfonds Salic, zuständig für Landwirtschaft, übernimmt Olam und investiert dort mehr als sechs Milliarden Dollar. „Damit soll die Ernährungskette nach Saudi-Arabien und in die Region abgesichert werden“, so Salic. Salic und Olam sind – wie auch alle anderen Konzerne – in Russland und der Ukraine tätig, da beide Länder zu den wichtigsten Agrarexporteuren weltweit zählen, vor allem bei Getreide. Mit Olam würde Saudi-Arabien zum größten Getreide-Terminal-Betreiber in Asow werden, einer Stadt am gleichnamigen Meer, das zum Schwarzen Meer und über den Bosporus ins Mittelmeer führt.
Die Blockade Russlands der ukrainischen Seehäfen 2023 und damit die Unterbrechung der Getreideexporte sorgten weltweit für Schock. Eine internationale Kraftaktion mit Hilfe der Türkei sorgte schließlich für einen maritimen Korridor, der nicht angegriffen wird.
Big-Agribusiness im geopolitischen Tauziehen
Womit wir endgültig in der Geopolitik und der neuen Weltordnung, die sich Putin und nun auch Trump offenkundig vorstellen, angelangt sind. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine bedroht die Schifffahrt in diesen Gewässern, Russland will darüber volle Kontrolle. Saudi-Arabien, als wesentlicher Agrar-Investor in der umkämpften Region, wird großes Interesse haben, dass die Waffen schweigen. Wo der neutrale Friedensstifter aufhört und der strategische Investor beginnt, wird dabei schwierig zu unterscheiden sein.
China hat sich mit der staatlichen Cofco im „Big Agribusiness“ mittlerweile etabliert. Mit mehr als 70 Milliarden Dollar Jahresumsatz, 110.000 Beschäftigte in 36 Ländern hat es den europäischen Vertreter im Konzert der Großen, Dreyfus, überholt, der von der gleichnamigen französischen Unternehmerfamilie kontrolliert wird. Auch China geht es um Einfluss in den Anbaugebieten, etwa in Afrika, und um die Sicherstellung der Ernährung ihrer Bevölkerung. Die Konkurrenz-Situation zu den USA verschärft sich auch hier. Als einziges Land hat China noch keine kartellrechtliche Genehmigung zum Merger von Bunge und Viterra gegeben, obwohl der vor fast zwei Jahren bekannt gegeben wurde. Mit den neuen Zöllen, die Trump gegen China verhängt hat, dürfte Peking noch weniger Lust haben, das einfach durchzuwinken. Strenge Auflagen würden die US-Konzerne natürlich treffen. Auch die Expansion der Saudis in diesem Geschäft wird in Peking mit Argwohn beobachtet. Peking hat nun auch Zölle auf amerikanische Agrar-Rohstoffe und -verarbeitungsprodukte angekündigt, was die Warenströme zusätzlich verändert.
Russland bastelt an Mega-Agrarkonzern
Auch Russland ist dabei, global agierende „nationale Champions“ im Agribusiness aufzubauen – still, aber mit einer klaren Strategie des Kreml. Russland steht für 33 Prozent der weltweiten Weizenexporte, das wahre Geschäft dahinter machten bisher die genannten Konzerne. Nun werden – auf Putins Wunsch und von der Weltöffentlichkeit ignoriert – staatlich kontrollierte Agrar-Giganten aufgebaut.
Das konzentriert sich derzeit auf drei Unternehmen:
EkoNiva ist der größte Milchverarbeiter Russlands (112.000 Milchkühe), der auch noch mehr als 600.000 Hektar Land besitzt. EkoNiva wird von russischen Staatsbanken de-facto kontrolliert.
Rusagro ist der größte russische Produzent bei Ölsaaten und Schweinefleisch. Das Unternehmen gehört zu 49 Prozent dem Oligarchen und Putin-Freund Wadim Moschkowitsch und seht de-facto unter russischer Kontrolle, da 2024 die Stimmrechte seiner zypriotischen Holding von einem Moskauer Gericht suspendiert worden waren. Moschkowitsch steht auf der aktuellen Sanktionsliste der EU und Großbritanniens.
(Interessantes Detail: Der Sohn, Jack Moshkovich, ist Partner der in Texas beheimateten US-Investmentfirma 8VC. Das Unternehmen finanziert Technologie-Unternehmen wie Palantir und hat auch Elon Musk beim Kauf von twitter, jetzt X, unterstützt. 8VC trat im US-Wahlkampf als Trump-Unterstützer auf.)
United Grain wurde 2009 von Putin per Dekret gegründet und fokussierte sich auf den Ausbau der Transport- und Lagerkapazitäten (vor allem in Häfen) von Getreide sowie deren Exportmöglichkeiten. Im Fokus: China und Südostasien, Afrika, Lateinamerika.
Überall dabei: Der staatliche Gütertransport-Konzern Fresco, der im Agrarbereich die Logistik von Bahntransporten, Hafen-Terminals und Schiffsflotte ausbaut und derzeit mit den drei Unternehmen „kooperiert“. Fesco wurde 2023 von Putin zwangs-verstaatlicht, der vorherige Eigentümer Magomedov wurde wegen Korruption zu 18 Jahren Haft verurteilt. Fesco spielt bei der Absicherung der Lieferketten von Nahrungs- und Futtermitteln eine wichtige Rolle.
Agrarexperten halten es für möglich, dass Rusagro, United Grain und Fesco zu einer Russland-Allianz zusammengeschmiedet werden, die im Big Agribusiness zu den sechs Großen aufschließen würde.
Ob Russland von Trump ab April angekündigten Zöllen auf US-Agrarimporten erfasst wird, wird von Rohstoff-Händlern bezweifelt. Die US-Agrarkonzerne sind dort tätig, haben ihre Standorte bestenfalls eingefroren. Zölle auf Europa, Ausnahmen für Russland – das passt ins Trump-Bild, würde allerdings die Agrarrohstoff-Welt zu Lasten Europas verändern.
Europa hat es bisher nicht geschafft, einen „Champion“ bei Agrarrohstoffen zu schaffen, im Gegenteil. Mit dem – wie Cargill – in Familienbesitz befindlichen Agrar-Rohstoffkonzern Louis Dreyfus Company hätte Europa einen solchen Player. Machtkämpfe in der Eigentümerfamilie und der blinde Fleck der EU im Bereich Ernährungssicherheit führten dazu, dass Dreyfus den Anschluss verliert. Der Umsatz sank von 60 Milliarden Dollar 2022 auf 50 Milliarden Dollar derzeit. Darüber hinaus ist Dreyfus bei weitem nicht so stark integriert wie die anderen Konzerne. Bei der Lieferkette, also die Sicherung von Agrarrohstoffen, die von der Industrie verarbeitet werden, sowie Investments in „food processing“ hinkt Dreyfus (und damit Europa) den geopolitischen Mächten hinterher. Auch gibt es eine starke regionale Konzentration auf Brasilien und Argentinien.
Dadurch entsteht eine neue Art der Abhängigkeit. Wenn etwa die USA und Russland Agrarrohstoffe in andere Regionen umleiten, steigt in Europa deren Preis – Nahrungsmittel werden teurer. Darauf reagieren Konsumenten besonders sensibel, auch politisch.
Zwar hat Europa einen deutlichen Vorsprung bei high-end-Produkten im Lebens- und Genussmittelbereich. Verarbeitungs-Konzerne wie Nestle, Danone, Unilever sind zudem in der Forschung aktiv, aber viele ihrer Agrar-Grundstoffe kommen eben von den großen Rohstoff-Konzernen. Für die Fleischproduktion in Europa sind Soja-Importe essentiell. Solche Abhängigkeiten gibt es auch bei Kakao, Tee, Reis, Sonnenblume, Südfrüchte, Palmöl, Baumwolle. Deren Lieferketten werden kontrolliert von Konzernen, die sich in den USA, China, Saudiarbien und Russland befinden.
In einer politischen Welt, die nur noch aus „Deals“ zu bestehen scheint, werden solche Schwächen skrupellos ausgenutzt. Europa täte gut daran, sich auch in der neuen Agrar-Weltordnung stärker aufzustellen. Wenn Trump und Putin ihre Versuche fortsetzen, die EU nachhaltig zu schädigen, vielleicht sogar zu zerstören, werden die Agrarrohstoffe ebenfalls der politischen Erpressung dienen. Bei Metallen wie Kupfer, Kobalt, Lithium sowie Seltenen Erden ist das geopolitische Tauziehen, vor allem zwischen den USA und China, längst im Gang. Die produzierende Industrie in Europa benötigt all diese Metall- und Agrarrohstoffe dringend, sowohl von der Menge als auch vom Preis her. Faktum ist, dass deren Lieferketten und die Preise außerhalb Europas gemacht werden.